Interview mit Prof. Dr. Volker Römermann und Dieter Carstens

„Zuversichtlich, dass e:veen gestärkt aus der Situation hervorgeht“

Rechtsanwalt Prof. Dr. Volker Römermann ist der vom Gericht bestellte vorläufige Insolvenzverwalter, Dieter Carstens der langjährige Vorstand von e:veen. Hier äußern sie sich erstmals gemeinsam zur aktuellen Situation, blicken auf die vergangenen Monate zurück und erklären, was sie optimistisch für die Zukunft stimmt.

e:veen befindet sich derzeit im vorläufigen Insolvenzverfahren. Was ist schiefgelaufen, dass es so weit gekommen ist?

Römermann: „Zunächst einmal: Ein Insolvenzverfahren ist keine Schande und auch kein Beweis für ein fehlerhaftes Geschäftsmodell. Vielmehr gibt es uns die Chance, Dinge grundlegend anzupacken. Und zwar auf eine unmittelbare Art, wie es ohne dieses Verfahren einfach nicht möglich wäre. Dabei bin ich zuversichtlich, dass e:veen gestärkt aus der Situation hervorgeht.“

Carstens: „Wir standen vor verschiedenen Herausforderungen: Die Energiepreise hatten stark angezogen, uns fehlte schlicht Liquidität. Und dazu gibt es innerhalb unserer Genossenschaft Unstimmigkeiten. Bedauerlicherweise stellte sich dabei insbesondere ein Genosse quer und verhinderte bislang so, dass uns wohlwollende Investoren künftig begleiten. Vor diesem Hintergrund haben wir uns proaktiv für diesen Weg entschieden.“

Die Situation ist vor allem keine einfache Zeit für Kunden, Mitarbeiter und Dienstleister. Wie empfinden Sie deren Lage?

Römermann: „Ich bin beeindruckt, wie die Mitarbeiter mit der Situation umgehen. Es ist tatsächlich keine einfache Lage. Für die allermeisten ist ein Insolvenzverfahren komplettes Neuland. Und meinem Eindruck nach ist jeder Einzelne weiter mit einer Menge Herzblut dabei. Das gibt uns allen, und nicht zuletzt mir persönlich, ein gutes Gefühl.“

Carstens: „Unsere Mitarbeiter sind wirklich klasse. Und auch von Kundenseite erhalten wir viel positives Feedback. Natürlich erreicht uns immer wieder auch Kritik, das ist kein Wunder in einer solchen Situation. Aber: Der weitüberwiegende Rücklauf zeigt Verständnis nach dem Motto: Wir haben volles Vertrauen, dass Ihr die Dinge meistert.“

Römermann: „Die Dienstleister und Lieferanten gehen sehr professionell mit der Situation um und so gibt es trotz der großen Zahl – e:veen wird von 1.500 Stadtwerken beliefert – keinerlei Versorgungsengpässe. Die Kunden werden weiter beliefert und halten dem Unternehmen fast ausnahmslos die Treue.“

Was natürlich viele Menschen umtreibt ist die Frage, wie es mit der Energieversorgung weitergeht?

Carstens: „Hier können wir Entwarnung geben: Die Versorgung ist rundum gesichert. Keiner unserer Kunden wird plötzlich ohne Strom oder Gas dastehen. Wer sich hier z.B. näher informieren möchte, dem empfehle ich unsere FAQ-Seite.“

Und was ist mit den Dienstleistern und damit einem Teil der Gläubiger?

Römermann: „Ich bin ein Freund klarer Worte: Eine Insolvenz ist immer mit Einschränkungen verbunden. Persönlich setze ich mich dafür ein, dass alle Gläubiger eine möglichst gute Quote erhalten. Und so wie es ausschaut, wird auch Erkleckliches übrigbleiben. Was übrigens auch daran liegt, dass das Verfahren frühzeitig gestartet wurde und nicht, wie in vielen anderen Fällen, wenn schon alles zu spät ist.“

Und wie geht es in den kommenden Wochen weiter?

Römermann: „Wir befinden uns bereits in ersten Gesprächen mit ausgesprochen interessierten Investoren. Dies wird jetzt alles ein wenig Zeit benötigen. Denn wir wollen für e:veen nicht das erstbeste, sondern das allerbeste Angebot verhandeln. Es freut mich hier besonders, zu sehen, dass Mitarbeiter, Banken und weitere Betroffene uns auf diesem Wege, der auch immer wieder Geduld erfordert, unterstützen.“

Abschließend die Frage an Sie beide: Wo steht e:veen in einem Jahr?

Römermann: „Albert Einstein hat mal den schönen Satz gesagt: „Ich denke niemals an die Zukunft. Sie kommt früh genug.“ Soweit würde ich nicht gehen, aber natürlich beinhaltet er ein Fünkchen Wahrheit. Wir konzentrieren uns auf das Hier und Jetzt. Die Fortführung des Unternehmens mit motivierten Mitarbeitern, treuen Kunden und zuverlässigen Lieferanten ist die Basis dafür, dass wir leistungsfähige Investoren mit an Bord holen. Und dann können wir auch optimistisch sein: Die Kapitalkraft von e:veen wird steigen und das Unternehmen wird seine Leistungen am Markt weiter erfolgreich vertreiben können.“

Carstens: „Herr Römermann hat Recht. Entscheidende Weichen werden in der Gegenwart gestellt. Die werden wir weiter meistern und dann können wir auch gemeinsam zuversichtlich in die Zukunft blicken.“